Fokus auf die Fehler

Fokus auf die Fehler

Schaut heute noch jemand auf Schreibfehler? Wir schreiben kaum noch per Hand, am Handy haben wir die Autokorrektur und in der Textverarbeitung am PC integrierte Rechtschreib- und Grammatikprogramme. Trotzdem macht jede:r von uns beim Schreiben Fehler.

Negative Beurteilung

Man möchte meinen, der Fokus auf die Fehler hätte sich mittlerweile verschoben, aber Fakt ist, dass Schüler:innen immer noch negative Noten in Deutschklausuren oder bei der Matura bekommen, wenn sich in ihre Texte zu viele Rechtschreib-, Grammatik oder Satzzeichen-Fehler einschleichen. Warum räumen wir – zumindest in der Schule – nicht endlich mit dem Fehlersuchen und Fehlerzählen auf?

Die Rechtschreibung: Eine Katastrophe

Ich erinnere mich an eine Schülerin in der ersten Klasse Sekundarstufe II, also 9. Schulstufe. Zu Beginn des Schuljahres wollte ich mir einen Überblick verschaffen, wo die Klasse bzgl. RS steht, um anschließend alle – die aus unterschiedlichen Stadt- und Dorfschulen der Region zusammengewürfelt waren – mit gezielten Übungen auf ein einheitliches Niveau zu bringen. Also ließ ich sie ein kleines Diktat schreiben. Die oben erwähnte Schülerin sagte bei der Rückgabe des korrigierten Diktats frustiert zu mir: „Ich weiß schon, meine Rechtschreibung ist katastrophal. Ist sicher negativ.“

Wie schlimm ist es

Es waren tatsächlich sehr viele Fehler, die sie in den kurzen, relativ einfachen Text eingebaut hatte. Aber wie sie da so saß und fast nicht auf den korrigierten Zettel und die Anzahl der Fehler schauen konnte, wurde mir selbst plötzlich bewusst, was es für den Einzelnen bedeutet, den Fokus derart auf die Fehler zu legen. Deshalb habe ich ihr geantwortet: Weißt du was, es könnte viel schlimmer sein. Wir bekommen das in den Griff!

Den Schalter umlegen

Und dann passierte etwas Unglaubliches. Die Schülerin, die vorher gesenkten Hauptes auf ihren Tisch starrte, schaute mich unvermittelt und direkt an. Ich erinnere mich an den Blick, kann ihn aber nur schwer beschreiben. Es war eine Mischung aus ungläubigem Staunen und einem Lächeln mit „Hoffnungsschimmer“ – dieses eigenartige Wort trifft es vermutlich am besten. In diesem Moment spürte ich, dass dieser eine Satz in ihr einen Schalter umgelegt hat.

Schreibsicherheit erlangen

Ich hatte zu diesem Zeitpunkt keine Ahnung, was genau ich mit ihr – im Rahmen des auf zwei bis drei Wochenstunden begrenzten Deutschunterrichts – machen könnte, um ihre Schreibsicherheit zu verbessern. Aber darum ist es scheinbar bei dieser Schülerin gar nicht gegangen. Denn von dem Moment an, war sie sozusagen „angeknipst“. Sie hatte in mir jemanden gefunden, der sie nicht einfach als hoffnungslosen Rechtschreibfall bzw. als Niete in Deutsch abstempelte. Um es abzukürzen: Sie hat sich sukzessive verbessert und ihre Rechtschreibung und Grammatik so weit in den Griff bekommen, dass sie deshalb keine schlechtere Note bei Schularbeiten in Deutsch bekam.

Wer legt immer noch den Fokus auf die Fehler

Obwohl man heute, wenn man sich im Internet herumtreibt, manchmal den Eindruck bekommen könnte, dass Fehlern überhaupt keine Bedeutung mehr beigemessen wird, ist das doch in vielen Lebensbereichen nicht der Fall. Sichere Rechtschreibung und Grammatik scheinen z.B. in Stellenanzeigen häufig als Anforderungen auf und sind vermutlich auch in den HR-Abteilungen ein nach wie vor bestehendes Beurteilungskriterium bei einem Bewerbungs- oder Motivationsschreiben.

100 % fehlerfrei

Ich treffe in meiner Arbeit als Texterin immer wieder auf Menschen, die den Fokus auf die Fehler legen. Und ich muss sagen: Es macht mir diese Menschen nicht unbedingt sympathischer. Manchmal frage ich mich, was dahintersteckt, wenn sie mir diese – meist sind es Kleinigkeiten, Tipp- oder Umstellfehler – unbedingt mitteilen müssen. Denn es würde Zeit sparen, sie einfach selbst schnell auszubessern. Ich bedanke mich trotzdem bei ihnen, bessere die Fehler aus und versuche, es positiv zu sehen.

Die menschliche Komponente

Es ändert jedoch nichts an meiner Grundeinstellung, die ich aus der Geschichte mit der Schülerin mitgenommen habe. Ich lege den Fokus lieber auf die außergewöhnliche Formulierung, einen überraschenden Vergleich, den fertigen Text oder insgesamt auf die menschliche Komponente, die dem Produkt zugrunde liegt.

Wie gehst du mit den Fehlersucher:innen und Fehler-unter-die-Nase-Reiber:innen in deinem Umfeld um? Schreib mir in die Kommentare. Ich bin gespannt auf deine Sichtweise!

 

Fotocredit: pexels – cottonbro studios

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2 Kommentare

  1. Hallo Heidi,
    war heute in deinem Workshop für soziale Medien in Axams und habe mir deine Webseite angeschaut.
    Als Psychotherapeut ist es meist eine wichtige Aufgabe, den Menschen Fehlerfreundlichkeit zu lernen. Unsere schulische Sozialisation schafft es schon in der ersten Klasse, die Neugier auf den Erwerb der erwachsenen Kulturtechniken, durch den Einsatz des Rotstiftes stark einzuschränken.
    Die negativen Leistungen, Szenen, Begegnungen bleiben viel länger in Erinnerung, als die positiven Erfahrungen.
    Einer meiner Referenzlehrer (mult. Prof. Dr. Hilarion Petzold) gab mir dazu eine nachvollziehbare Antwort. Aus historisch-anthropologischer Sicht geht es dabei um die Erfahrung in der Gruppe, beim Jagen, bei der Speisen-Konservierung usw. , waren Fehler oft existenziell bedrohlich und wurden daher neurobiologisch in einem anderen Gedächtnisspeicher abgelegt, als positive Erfahrungen oder Gelingen! Diese neuronalen Spuren werden bei Fehlern noch heute aktiviert.
    Klar gilt das nicht für Texte, mit denen ich mich zu einer bestimmten Sache präsentiere. Orthographie ist wichtig! Sie ist schnell erkennbar und dient dadurch leichter den Text, die dahinter stehende Person einzuschätzen. Ich hab bei meinem Sohn als Waldorfschüler erlebt, dass die anfänglich geschrieben haben, wie sie die Sprache gehört haben, sodass ich zeitweise glaubte er würde nie Rechtschreiben lernen. Heute ist er professioneller Texter, Komponist und Musikproduzent mit zielsicherer Orthographie in deutsch und Englisch!
    Weiß gar nicht wie ich dazu komme. Jetzt habe ich deinen ganzen Text gelesen und mir ist klar geworden, dass du eine differenzierte Haltung zum Umgang mit Schreibfehlern hast. Ich glaube mich hat der Titel mit Focus auf die Fehler gleich „getriggert“ und meine frühe negative Volksschulerfahrung zu diesem Thema in Erinnerung gebracht.
    Das mit der Evaluierung war Dank deiner Info kein Problem. Vielleicht braucht es ja mal ein Schreibworkshop……
    Deine Karriere ist beeindruckend!
    lg Markus

    1. Lieber Markus,
      danke für diesen spannenden Kommentar, der mich wiederum zum Nachdenken anregt. Ich freue mich, dass du dich so intensiv mit meinem Beitrag auseinandergesetzt hast. Du bist in meinen Schreibworkshops herzlich willkommen. Beste Grüße Heidi

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