Schreiben, das mehr kann als Gedanken festhalten
Dein Tag war lang, im Kopf kreisen noch zehn Dinge gleichzeitig und eigentlich möchtest du nur noch abschalten. Doch statt zur nächsten Serie oder zum Handy zu greifen, nimmst du ein Notizbuch zur Hand. Du schreibst ein paar Zeilen. Erst über das, was heute passiert ist. Dann über das, was dich beschäftigt.
Genau hier beginnt Journaling.
Journaling bedeutet, Gedanken, Beobachtungen, Gefühle, Fragen und Ideen regelmäßig zu Papier zu bringen. Dabei geht es nicht darum, einen perfekten Tagebucheintrag zu verfassen. Es gibt keine richtige Form, keine vorgeschriebene Länge und schon gar keine literarischen Ansprüche. Journaling ist eine Einladung, sich selbst beim Schreiben ein Stück näherzukommen.
1. Journaling einfach erklärt
Journaling ist eine Form des persönlichen Schreibens. Im Unterschied zum klassischen Tagebuch muss es dabei nicht darum gehen, den Tag chronologisch festzuhalten. Ein Journal kann eine Sammlung von Gedanken sein, eine Seite voller Fragen, eine Liste, ein Brief, ein Dialog oder eine kleine Geschichte.
Manchmal reichen fünf Minuten.
Zum Beispiel nach einem anstrengenden Arbeitstag: Was beschäftigt mich gerade?
„Ich bin eigentlich nicht wegen des Meetings genervt. Ich glaube, mich ärgert etwas anderes: Ich habe wieder einmal Ja gesagt, obwohl ich Nein meinte.“
Schon dieser eine Satz kann etwas in Bewegung bringen.
Denn Schreiben, vor allem das Schreiben von Hand, verlangsamt das Denken. Gedanken, die im Kopf oft nur als diffuse Mischung aus To-dos, Sorgen und Gefühlen auftauchen, bekommen auf dem Papier eine Form. Man kann sie anschauen, sortieren und weiterdenken.
Auch die Forschung zum sogenannten „expressive writing“, also zum ausdrucksorientierten Schreiben, beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit dieser Wirkung. Studien zeigen unter bestimmten Bedingungen positive Effekte auf Wohlbefinden und psychische Belastung. Allerdings sind die Ergebnisse nicht für alle Menschen und alle Schreibformen gleichermaßen eindeutig. Journaling sollte deshalb nicht als Therapie oder Wundermittel verstanden werden.
Was ich in meinen Workshops immer wieder erlebe, ist etwas viel Alltäglicheres: Menschen schreiben einen Gedanken auf, den sie vorher nur im Kopf herumgetragen haben und plötzlich wird daraus eine Frage, sie sehen klarer, verstehen oder kommen auf eine neue Idee.
Das ist die vielleicht schönste Seite des Journalings: Die Antwort muss nicht von außen kommen. Manchmal steht sie schon in uns und wartet nur darauf, aufgeschrieben zu werden.
2. Was Journaling mit kreativem Schreiben verbindet
„Aber ich bin doch gar nicht kreativ.“
Diesen Satz höre ich in meinen Schreibworkshops häufig. Und meistens dauert es nicht lange, bis die Teilnehmerinnen und Teilnehmer selbst merken, dass Kreativität nicht bedeutet, sofort eine Geschichte schreiben oder besonders schöne Sätze formulieren zu können.
Journaling und kreatives Schreiben haben nämlich eine wichtige Gemeinsamkeit: Beide beginnen mit dem freien Denken.
Beim Journaling geht es zunächst nicht darum, einen Text zu produzieren, der anderen gefallen muss. Niemand bewertet die Wortwahl, die Grammatik oder den Aufbau. Dadurch entsteht ein geschützter Raum, in dem jede:r sich ausprobieren und spontane Gedanken zu Papier bringen darf.
Aus einem Journaling-Satz kann deshalb vieles entstehen:
„Heute habe ich im Zug eine Frau mit einem roten Mantel gesehen.“
Das ist zunächst nur eine Beobachtung.
Beim kreativen Schreiben könnte daraus werden:
„Der rote Mantel war das Erste, was ich sah, als die Zugtür aufging. Das Zweite war ihr Gesicht.“
Und plötzlich ist eine Geschichte da.
Auch in meinen Workshops nutze ich diese Verbindung. Wir beginnen oft mit einer ganz persönlichen Beobachtung, einem Wort oder einer Erinnerung. Danach verändern wir die Perspektive, spielen mit Sprache oder lassen aus einem kleinen Detail eine Szene entstehen.
Journaling kann so zum Trainingsplatz für kreatives Schreiben werden. Es schult die Aufmerksamkeit, bringt eigene Themen ans Licht und hilft dabei, eine persönliche Stimme zu entwickeln.
Und es nimmt dem Schreiben etwas von seinem Druck. Denn wer regelmäßig schreibt, lernt: Der erste Satz muss nicht perfekt sein. Er muss nur den Anfang machen.
3. Warum ein Ortswechsel den Schreibprozess bereichern kann
Manchmal braucht es gar keinen neuen Schreibtrick. Manchmal braucht es einen neuen Ort.
Menschen kommen mit einem Kopf voller Gedanken an und sitzen vielleicht am ersten Morgen eines mehrtägigen Schreib-Retreats vor ihrem leeren Notizbuch. Dann gehen sie eine Runde spazieren. Sie hören die Vögel, sehen eine Landschaft, trinken ihren Kaffee an einem anderen Tisch als zu Hause.
Und plötzlich schreiben sie.
Warum?
Ein Ortswechsel unterbricht vertraute Abläufe. Wir sehen Dinge, die wir sonst übersehen, und nehmen uns selbst anders wahr. Gerade beim Schreiben kann das wertvoll sein. Neue Eindrücke liefern neue Wörter, Bilder, Erinnerungen und Fragen.
Deshalb gehört „Bewegung“ (durchaus auch im Sinne von geistiger Beweglichkeit) für mich zum Schreiben dazu.
Ein Spaziergang kann zum Schreibimpuls werden. Ein Geruch erinnert an eine Kindheitsszene. Ein bestimmtes Licht verändert die Stimmung. Eine Begegnung löst eine Frage aus.
Bei einem Retreat kann beispielsweise die Aufgabe lauten:
Suche dir einen Ort, an dem du bisher noch nicht geschrieben hast. Bleib dort zehn Minuten. Was bemerkst du, das dir vorher nicht aufgefallen ist?
Es geht dabei nicht darum, möglichst spektakuläre Erlebnisse zu sammeln. Im Gegenteil.
Oft sind es die kleinen Dinge, die einen Text zum Leben erwecken: das Geräusch einer Tür, die Wärme einer Tasse in der Hand, ein Schatten auf der Hauswand, der Geruch von nasser Erde.
Wer anders schaut, schreibt anders.
4. Drei Journaling-Impulse zum Ausprobieren
Du möchtest Journaling ausprobieren? Dann brauchst du zunächst nicht mehr als ein Notizbuch und zehn Minuten Zeit.
Impuls 1: „Was ist gerade da?“
Stell dir einen Timer auf fünf Minuten und beginne mit diesem Satz:
„Gerade ist da …“
Schreibe weiter, ohne zu überlegen und ohne deine Sätze zu korrigieren.
„Gerade ist da Müdigkeit. Und gleichzeitig Lust auf etwas Neues. Ich weiß noch nicht genau, was das sein könnte …“
Wenn du nicht weiterweißt, wiederhole einfach den letzten Satz oder schreibe:
„Ich weiß gerade nicht, was ich schreiben soll …“
Auch das gehört zum Schreiben.
Impuls 2: „Ein kleiner Moment“
Denke an einen unscheinbaren Moment des heutigen Tages.
Vielleicht hast du morgens einen Vogel am Fenster gesehen. Jemand hat dir die Tür aufgehalten. Du hast im Supermarkt einen Duft wahrgenommen, der dich an früher erinnert hat.
Beschreibe diesen Moment so genau wie möglich.
Was hast du gesehen? Was gehört? Was gerochen? Was hat dein Körper wahrgenommen?
Versuche nicht, den Moment zu bewerten. Beobachte ihn einfach.
Dieser Impuls eignet sich besonders gut, wenn du das Gefühl hast, „nichts zu erzählen“ zu haben. Denn Schreiben beginnt oft nicht mit einer großen Geschichte, sondern mit einem kleinen Detail.
Impuls 3: „Wenn ich ehrlich bin …“
Beginne einen Text mit:
„Wenn ich ehrlich bin, würde ich eigentlich gerne …“
Schreibe zehn Minuten weiter.
Vielleicht kommt etwas ganz Konkretes:
„Wenn ich ehrlich bin, würde ich eigentlich gerne wieder einmal einen ganzen Tag nur für mich haben.“
Vielleicht überrascht dich aber auch, was danach kommt.
Gerade solche Satzanfänge können helfen, die innere Zensur ein wenig leiser werden zu lassen. Und manchmal führt genau dieser Umweg zu einem Gedanken, den wir im Alltag längst zur Seite geschoben haben.
5. So wird Journaling im Schreib-Retreat eingesetzt
In einem Schreib-Retreat geht es für mich nicht darum, möglichst viele Seiten zu produzieren.
Es geht um Zeit.
Zeit zum Schreiben. Zeit zum Nachdenken. Zeit für Bewegung. Zeit für Austausch und Rückzug.
Journaling ist dabei eine wertvolle Technik. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer schreiben nicht einfach „drauflos“, sondern bekommen Impulse, die unterschiedliche Türen öffnen: Erinnerungen, Wahrnehmungen, Wünsche, Fragen, Zukunftsbilder oder kleine Alltagsszenen.
Manchmal schreiben wir morgens, wenn der Kopf noch frei ist. Manchmal entsteht ein Text nach einem Spaziergang. Ein anderes Mal führt eine Übung vom persönlichen Journaling direkt ins kreative Schreiben.
Dabei erlebe ich immer wieder einen spannenden Moment: Am Anfang sagen manche Teilnehmerinnen, sie hätten „eigentlich keine Idee“.
Ein paar Schreibimpulse später sind mehrere Seiten gefüllt.
Nicht, weil ich ihnen die richtigen Worte geliefert hätte.
Sondern weil sie sich selbst die Gelegenheit gegeben haben, welche zu finden.
Genau darin liegt für mich der besondere Wert eines Schreib-Retreats. Der Abstand zum Alltag schafft einen Raum, in dem Schreiben nicht noch eine Aufgabe auf der To-do-Liste ist. Es darf einfach stattfinden.
Und manchmal entdeckt man dabei nicht nur neue Texte, sondern auch neue Seiten an sich selbst.
6. Lust bekommen, dir selbst schreibend Zeit zu schenken?
Vielleicht möchtest du schon länger schreiben. Vielleicht trägst du eine Geschichte, ein Buchprojekt oder viele lose Gedanken mit dir herum. Oder du hast einfach das Gefühl, dass es wieder einmal Zeit wäre, dir selbst zuzuhören.
Dann kann ein Schreib-Retreat genau der richtige Ort dafür sein.
In meinen Schreib-Retreats verbinde ich Journaling, kreatives Schreiben, inspirierende Schreibimpulse und Zeit für dich. Ohne Leistungsdruck und ohne die Erwartung, am Ende ein fertiges Manuskript mit nach Hause zu nehmen.
Stattdessen geht es darum, ins Schreiben zu kommen, die eigene Stimme zu entdecken und dem nachzuspüren, was gerade wichtig ist.
Du musst dafür weder „Schriftstellerin“ sein noch besonders viel Schreiberfahrung mitbringen.
Du brauchst nur ein bisschen Neugier – und die Bereitschaft, den Stift aufs Papier zu setzen.
Vielleicht wartet zwischen den ersten und den nächsten zehn Seiten etwas auf dich, das du bisher noch nicht gesehen hast.
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